Der Frühling und die Osterzeit sind Zeiten des Wachstums und der „Auferstehung“, nicht nur in der Natur. Welche Bedeutung darin für unser Leben steckt, können wir mit folgenden Anregungen schreibend erkunden.
Auferstehung erleben
Der Winter und damit die dunklen, kalten Monate des Jahres liegen hinter uns – vielleicht auch im übertragenen Sinne. Wir alle kennen Zeiten, in denen wir auch innerlich dunkle Tage erleben. Zeiten der Verzweiflung oder Mühsal, Zeiten voller Schmerzen oder Trauer.
Nach solchen Tagen kommt aber irgendwann auch wieder der Frühling: Erste Lichtstrahlen, ein Moment der Freude, ein Aufkeimen von Hoffnung und Zuversicht. So könnte man „Auferstehung“ mitten im Leben verstehen. Maria Luise Kaschnitz hat ein schönes Gedicht dazu verfasst:

Auferstehung
Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.
(Marie Luise Kaschnitz *)
Nehmen Sie das Gedicht als Ausgangspunkt. Was in Ihnen wird dadurch angerührt, welche Gefühle oder Erinnerungen auslöst?
Wenn eine Erinnerung hochpoppt, schreiben Sie über ein „Auferstehungs-Erlebnis“ aus Ihrer Lebensgeschichte.
Aufblühen
Die ersten Bäume haben bereits zu blühen begonnen, andere werden in den nächsten Wochen folgen. Die Fülle und Farbenpracht dieser Blüten erfüllt mich jedes Jahr wieder mit Ehrfurcht und Dankbarkeit.
Heute lade ich Sie dazu ein, eine solche Blüte einmal ganz genau zu betrachten (in natura oder auf diesem Foto):
Welche Farben, Formen, Muster nehmen Sie wahr? Was ist vordergründig, was entdecken Sie erst beim zweiten Hinschauen?
Versuchen Sie das, was Sie sehen, mit Worten zu beschreiben. Detailgenau, konkret, bildhaft. So, als ob Sie jemanden die Blüte „vorlesen“ würden, der sie nicht sehen kann.
Als Abschluss verfassen Sie noch einen Drei- oder Vierzeiler, vielleicht in Form eines Elfchens oder Haiku?

Entfaltung
Nun kommt der zweite Teil der Übung, nämlich die Wirkung dessen, was Sie sehen:
Wie wirkt das Foto/die Blüte auf Sie? Welche Resonanz erzeugt sie in Ihnen? Wofür in Ihrem Leben steht diese Blüte, wofür ist sie eine Metapher?
Vielleicht möchten Sie noch zu folgenden Impulsfragen schreiben:
- Was keimt in mir und möchte wachsen und in die Welt gebracht werden? (Ideen, Projekte, Vorhaben, Eigenschaften…)
- Was treibt schon aus? Wo beginnt sich etwas zu öffnen?
- Was brauchen die Knospen/zarten Triebe, um weiter wachsen und sich entfalten zu können?
- Was blüht schon und zeigt sich in voller Pracht?
- Was braucht diese Blüte, um möglichst lang ihre Strahlkraft zu behalten oder um weiter zu reifen?
Schreiben Sie, solange Sie mögen. Wenn es genug ist, lesen Sie alles noch einmal durch. Unterstreichen Sie Wörter oder Sätze, die Ihnen wichtig erscheinen und finden Sie eine Essenz für das Geschriebene: Formulieren Sie eine Erkenntnis, ein Aha-Erlebnis, einen Leitsatz, eine positive Affirmation… In jedem Fall kurz, möglichst in 1 Satz. Auch eine lyrische Kurzform, ein kurzes Gedicht passt als Essenz.
Damit wünsche ich Ihnen viel Freude beim Schreiben, Blühen und Entfalten. Und bei Ihrer ganz persönlichen Auferstehung!
Schreibfreudig-österliche Grüße
Ihre
Alexandra Peischer / schreib.raum
*aus: Kaschnitz (1979): Seid nicht so sicher. Geschichten, Gedichte, Gedanken. Gütersloh 1979, S. 73f.