Unsere Kreativität braucht Raum, um sich zu entfalten. Und sie braucht Bewegung, unterschiedliche Perspektiven und Blickwinkel, neue Orte und ungewöhnliche, weil nicht-alltägliche Kontexte. Dieses Wissen können wir nutzen, um Schreibblockaden entgegenzuwirken (oder zu lösen) und um unserer Kreativität bewusst auf die Sprünge zu hlefen.
Ortswechsel und Bewegung hilft bei Schreibblockaden
Sie kennen das sicher auch: Sie sitzen am Schreibtisch und es fällt Ihnen rein gar nichts ein. Nichts. Kein Wort, kein Satz, keine Idee, kein vernünftiger Gedanke will sich zeigen. Im Kopf die große Leere, das Papier oder der Bildschirm bleiben weiß. Denkflaute.
Mir hilft es in solchen Momenten manchmal schon, wenn ich kurz aufstehe und einmal um meinen Stuhl herum gehe. Schon dadurch kommt etwas in Bewegung, ins Fließen. Andere Male wechsle ich gleich den Tisch oder den Raum, arbeite am Küchentisch weiter, auf der Couch oder an meinem Stehpult.
Und an wieder anderen Tagen braucht es etwas mehr „Durchschütteln“: eine Bewegungseinheit zum Beispiel. Lieblingsmusik aufdrehen und tanzen. Eine Yogasequenz machen oder einen kurzen Spaziergang und plötzlich kommt der entscheidende Einfall, die Idee, auf die ich so lange (vergeblich) gewartet habe.
In schwierigeren Fällen ist ein kompletter Ortswechsel zu empfehlen: auf einen Berg (oder Hügel ;-)) wandern, den Weitblick und die Freiheit genießen und dort schreiben. Oder für ein paar Tage irgendwo ein Zimmer mieten, bei einer Freundin Unterschlupf suchen oder einen Städtetrip unternehmen, um auf andere Gedanken zu kommen.
All das sind erprobte und bewährte Hilfsmittel bei Schreibblockaden, die mir und vielen anderen schon geholfen haben. Heute stelle ich Ihnen noch eine andere Methode vor. Diese kommt aus dem Coaching-Kontext, hilft bei Problemlösung, regt aber auch wunderbar unsere Kreativität an und bringt oft überraschend schnell neue Erkenntnisse.

Clean Space als „dreidimensionales Mindmap“
„Clean Space“ wurde vom neuseeländischen Therapeuten David Grove 1993 entwickelt und nach seinem Tod von einigen Forscher:innen weiterentwickelt, u.a. von James Lawley und Marian Way.*
Die Methode ist einfach und bringt doch rasch tiefgreifende und nachhaltig wirksame Erkenntnisse. Sie arbeitet gezielt mit dem Raum und der Bewegung innerhalb dieses Raumes, um neue Ideen zu entwickeln oder Lösungen zu finden – für Texte sowie für Probleme und Themen jeglicher Art.
„Clean Space“ funktioniert im Grunde wie dreidimensionales Mindmapping. Statt Notizen auf einem Blatt Papier werden hier die Gedanken im Raum visualisiert, quasi verschiedene Blickwinkel, einzelne Aspekte eines Themas „in den Raum gestellt“. Neben dem Raum als Mit-Gestalter wird auch der Körper und das in ihm gespeicherte Wissen (=unser implizites Wissen oder Erfahrungswissen) in die Denk- und Erkenntnisprozesse einbezogen.
Verschiedene Orte im Raum und die Verbindung zwischen diesen Orten schenken jeweils neue Sichtweisen und Erfahrungen, die uns bis dahin nicht zugänglich waren.
Als (Schreib-)Impuls stelle ich Ihnen hier eine leicht abgeänderte Variante des „Clean Space-Prozesses“ vor.
Der Clean Space-Prozess als Kreativitätsmotor
1.) Sie schreiben Ihr Anliegen in wenigen Worten auf einen Zettel oder ein Post-it.
Das kann ein Thema sein, das Sie gerade beschäftigt. Ein Problem, für das sie eine Lösung suchen. (z.B. „Wie komme ich in diesem Kapitel zu einer guten Struktur?“ oder „Warum gerate ich hier immer wieder in eine Sackgasse?“ etc.)
Oder es ist eine Stelle in Ihrem Text, an der Sie nicht weiterkommen, für die Sie Ideen suchen. Vielleicht ein neuer Blick auf einen Charakter/eine Figur in Ihrem aktuellen Text. („Wie könnte Person XY sich in dieser Geschichte weiterentwickeln?“)
Natürlich eignet sich auch jedes andere berufliche oder private Vorhaben/Projekt, bei dem Sie feststecken und sich neue Impulse für die Weiterführung wünschen.
2.) Legen Sie sich weitere drei Zettel und einen Stift bereit und sorgen für 20-30 Minuten ungestörte Zeit in einem Raum Ihrer Wahl. Jeder Raum ist geeignet, solange er nicht allzu winzig ist. Innenräume funktionieren genau so gut wie Orte im Freien, in der Natur.
3.) Nun positionieren Sie den Zettel mit ihrem Anliegen an einer Stelle im Raum, wo er Ihrer Empfindung nach hingehört. Entscheiden Sie rasch und intuitiv. Der Zettel kann am Boden liegen, auf einem Stuhl oder Tisch oder auch an der Wand kleben…
4.) Stellen Sie sich dann dort im Raum hin, wo es Ihnen stimmig vorkommt in Bezug auf den Zettel/Ihr Anliegen. Wo ist der Abstand und die Position passend?
5.) Nehmen Sie wahr, wo und wie Sie stehen und wie groß Ihr Abstand zum Anliegen/Thema ist. Dann fühlen Sie sich in die Position ein und denken nach: Was wissen Sie hier über Ihr Anliegen/Thema?
Nehmen Sie einen der Zettel und schreiben Sie ein paar Sätze dazu nieder. Notieren Sie dann „Ort 1“ auf dem Zettel und legen Sie ihn dort ab, wo Sie stehen.
6.) Gehen Sie an irgendeinen anderen Ort im Raum. Schauen Sie von dort aus wieder auf Ihr Anliegen/Thema und überlegen: Was weiß ich hier darüber? Notieren Sie es sich auf dem nächsten Zettel. Schreiben Sie im Anschluss „Ort 2“ darauf und legen sie ihn an der Stelle ab, wo Sie stehen.
7.) Wählen Sie nun einen weiteren Ort im Raum und verfahren gleich wie an Ort 2. Beschriften Sie diesen Zettel und Ihre Notizen mit „Ort 3“ und legen ihn ebenfalls ab.
8.) Nun gehen Sie zurück zu „Ort 1“, spüren nochmals hinein und fragen sich: Gibt es noch etwas, was Sie hier über Ihr Anliegen/Thema wissen? Schreiben Sie unter das zuerst Geschriebene weitere 1-2 Sätze. Wenn Sie möchten, geben Sie diesem „Ort 1“ einen (zusätzlichen) Namen.
9.) So verfahren Sie auch mit den Orten 2 und 3.
(Wenn Sie weniger Zeit haben, können Sie die ergänzenden Gedanken („Was wissen Sie hier noch über Ihr Anliegen/Thema?“ und die Namensgebung auch bereits beim ersten Durchgang machen.)

10.) Nun gehen Sie noch einmal zu „Ort 3“ und schauen zu „Ort 1“: Was wissen Sie hier über „Ort 1“?
Wenden Sie sich dann ihrem „Ort 2“ zu: Was wissen Sie hier über „Ort 2“?
12.) Wenn Sie bereit sind abzuschließen, sammeln Sie alle vier Zettel ein und kehren wieder in Ihren „normalen“ Raum/die reale Welt zurück.
13.) Nehmen Sie sich abschließend noch ca. 10 Minuten Zeit, um schriftlich zu reflektieren:
- Was haben Sie über Ihr Anliegen/Thema erfahren?
- Wie hat sich das Aufsuchen der verschiedenen Orte ausgewirkt?
- Wie hat sich Ihr Anliegen/Thema im Laufe des Prozesses verwandelt?
- Welche Erkenntnis und/oder neuen Ideen nehmen Sie mit?
Wenden Sie den „Clean-Space“-Prozess gerne immer dann an, wenn Sie neue Ideen oder Lösungen für ein (Schreib-)Thema brauchen. Die Arbeit damit kann sehr schnell zu neuen Erkenntnissen führen.
Sie können auch weitere Orte dazunehmen: In der Vollvariante des Originalprozesses von „Clean Space“ sind es sechs Orte! Oder Sie ergänzen Ihre Notizen mit kleinen Zeichnungen, Skizzen, Gedichten… – hier ist Ihrer Kreativität keine Grenze gesetzt.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Ausprobieren dieser etwas anderen „Schreib-Übung“ und vor allem zahlreiche neue Erkenntnisse!
Ihre
Alexandra Peischer
PS: Falls Sie die Methode lieber unter Anleitung ausprobieren möchten, melden Sie sich gerne bei mir für ein Einzel-Coaching (in Innsbruck oder via Zoom, das funktioniert auch online sehr gut). Oder kommen Sie zu einem meiner Clean-Space-Workshops, die ich ab dem Herbst regelmäßig anbieten werde. Bei Interesse lassen Sie sich gerne unverbindlich vormerken unter peischer@schreibraum.com.
Literatur:
*James Lawley /Marian Way: Erkenntnisse im Raum. Mit Clean Space Kreativität anregen, Ideen generieren und Probleme lösen. Heidelberg: Carl Auer (2022)
Hier finden Sie eine Leseprobe inkl. Anleitung zu einer Miniversion von „Clean Space“ zum Ausprobieren.
